Über Writers in Prison

Ich habe persönlich Autoren gekannt, die sich dazu entschlossen haben, verbotene Themen aufzugreifen, bloß deswegen, weil sie verboten waren. Ich glaube, ich bin da auch nicht anders. Denn wenn ein anderer Schriftsteller in einem anderen Haus nicht frei ist, dann ist kein Schriftsteller frei. Dies ist tatsächlich der Geist, der die Solidarität durchdringt, die vom PEN International, von den Autoren auf der ganzen Welt gespürt wird.
Orhan Pamuk

Die Vereinten Nationen umfassen rund 200 Mitglieder. Alle Mitgliedsländer der UN haben die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ (1948) unterschrieben, in der im Artikel 19 steht:

Jeder Mensch hat das Recht auf freie Meinungsäußerung; dieses Recht umfasst die Freiheit, Meinungen unangefochten anzuhängen und Informationen und Ideen mit allen Verständigungsmitteln ohne Rücksicht auf Grenzen zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.

Drei Viertel aller in der UN vertretenen Staaten verstoßen massiv gegen die Meinungsfreiheit. Hunderte von Schriftsteller_Innen, Reporter_Innen und Blogger_Innen, sitzen im Gefängnis: Sie vertreten ihre eigene Meinung.

Zu den Mechanismen staatlicher Repression gehören Inhaftierung, Folter, und Ermordung. Es kommt zu Verurteilung wegen fingierter Anklagen bzw. wegen des Vorwurfs Religion, Gott und Staatsoberhäupter zu beleidigen. In vielen Ländern treten noch unterschiedliche Separatisten, Befreiungsbewegungen, Widerstandsgruppen auf den Plan, die Schreibende verfolgen.

Das Writers-in-Prison-Committee des PEN International engagiert sich weltweit, um auf Unterdrückung aufmerksam zu machen. Dies ist eine Aufgabe, die Kontinuität verlangt. Im Gegensatz zur Mehrzahl der Medien, für die Nachrichten zur Ware werden, arbeitet das WiP-Committee unabhängig davon, ob ein Land aufmerksam gecovert wird oder sich im Windschatten der medialen Aufmerksamkeit befindet.

 

Was ist Writers-in-Prison?
Von Wolfgang Martin Roth
(Beauftragter WiP des Österr.PEN)

Das Writers-in-Prison-Committee nimmt in PEN International eine Sonderstellung ein, nicht nur, weil es lang vor Amnesty International und ähnlichen sich für die Menschenrechte einsetzenden Organisationen tätig wurde, sondern weil es der personalisierteste Seismograph ist: Einzelne Menschen, die nichts anderes tun, als ihre dem eigenen Gewissen verpflichtete Meinung zu äußern und dafür verfolgt werden, werden in bekannt gemacht, damit die Welt weiß, welches Ungerecht an ihnen begangen wird. Da Literatur stets personalisiert und individualisiert, ist das WiP eines der z e n t r a l e n Anliegen des PEN. Das Writers-in-Prison-Committee des PEN International wurde 1960 gegründet, als Reaktion auf die bedrohlich wachsende Zahl der Länder, die versuchen, Schriftsteller durch Repressionen mundtot zu machen. Auch verfolgten Verleger_Innen, Redakteur_Innen, Illustrator_Innen und Journaliste_Innen nimmt sich das Komitee inzwischen an.

Es gibt jedoch einen wichtigen Vorbehalt: Gefangene, die wegen Propagierung von Gewalt oder gar ihrer Anwendung verurteilt wurden, und solche, die zum Rassenhass aufgerufen haben, werden nicht unterstützt, weil ihre Aktivitäten mit der Charta des PEN International unvereinbar sind.

Zweimal jährlich legt das Writers-in-Prison-Committee der Londoner Zentrale eine aktualisierte Auflistung (Caselist) vor, die sämtliche ihm bekannt gewordenen Fälle beinhaltet. Die Angaben werden ständig aktualisiert. Das Sekretariat des Writers-in-Prison-Committees in der Londoner Zentrale von PEN International sammelt Informationen über die Gefangenen und gibt sie an die nationalen Zentren weiter. Die einzelnen Landeszentren, die sich auf einzelne Länder/Regionen spezialisieren, geben ihrerseits die Erfahrungen an London zurück. Als Informationsquellen dienen Presseberichte, Recherchen von Menschenrechtsgruppen, Berichte von Verwandten und Freunden der Verfolgten oder von PEN-Mitgliedern aus diesen Ländern.

Derzeit wirken 58 der insgesamt 140 PEN-Zentren weltweit aktiv im Writers-in-Prison-Committee mit. Jedes dieser Zentren ernennt verfolgte Autoren zu honory members und nimmt sich ihrer an. Auf diplomatischen Kanälen oder in öffentlichen Kampagnen machen besondere Beauftragte auf deren Schicksal aufmerksam, um die Freilassung der Gefangenen zu erwirken. Sie korrespondieren mit den Angehörigen der Gefangenen, wenn möglich auch mit diesen selbst. Sie schreiben Artikel über ihre inhaftierten Kolleg_Innen und setzen sich dafür ein, dass deren Arbeiten übersetzt, in öffentlichen Lesungen bekanntgemacht und publiziert werden.

Das Österreichischen Writers-in-Prison-Committee setzt sich zurzeit für inhaftierte Schriftstellerinnen und Schriftsteller, auch Journalisten, im Iran, in Katar und Ägypten und im Kamerun ein. Darüber hinaus gibt es „stille“ Strategien: Österreichische PolitikerInnen, die in Länder reisen, die als schwierig im Bereich der Menschenrechte gelten, werden vom WiP-Committee gebeten, die „Fälle der Menschenrechtsverletzungen“ anzusprechen. Diese stille Diplomatie ist häufig erfolgreich. Ein entsprechender Dank an die PolitikerInnen sei an dieser Stelle nachdrücklich vermerkt und ausgesprochen.

Die Türkei hat sein Anbeginn ihrer staatlichen Gründung schwere Probleme mit der Meinungsfreiheit. AutorInnen und JournalistInnen wurden/werden verfolgt, wenn sie regierungskritische Positionen vertreten, kurdenfreundliche Positionen vertreten oder durch Feststellung des türkischen Volkmords an den Armenieren, angeblich das „Türkentum“ beleidigten. Was sich in den letzten Wochen ereignet, ist die massivste Einschränkung der Meinungsfreiheit, die es je in einem NATO-Land gegeben hat, seitdem die Obristen in Griechenland an der Macht waren. Die Verstöße gegen die Meinungsfreiheit, die Freiheit von Forschung und Lehre gehen in die Zehntausende. Solch eine Dimension der Missachtung des Artikel 19 der Menschenrechtskonventionen überschreitet den hier vorgegebenen Rahmen.

 

 

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