Mahvash Sabet (Iran)

mahvash-sabetMahvash Sa ̄ bet (*1953) gehört zu den sieben Mitgliedern des Bahái-Führungsgre- miums im Iran, die zu jeweils 20 Jahren Haft verurteilt wurden. Die Religionsgemeinschaft der Bahái wird im Iran systematisch verfolgt. Am 5. März 2008 wurde Mahvash Sabet in Mashhad, im Nordosten Irans, wegen »Spionage für Israel«, »Propaganda gegen das System« und »Blasphemie« verurteilt. Dieses Urteil wurde von verschiede- nen Menschenrechtsorganisationen und dem Europäischen Parlament scharf kriti- siert. Mahvash Sa ̄ bet befindet sich momentan im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran. Sie leidet an Osteoporose und brach sich im Herbst 2012 die Hüfte. Trotzdem wurde ihr ein Hafturlaub zur medizinischen Behandlung verweigert. Mahvash Sabet ist Honorary Member des Österreichischen PEN.

Die Zeit soll langsamer vergehen

Geschrieben in den letzten Stunden des Lebens meiner Freundin Naheed Ayadi, in Erinnerung an die vielen gemeinsamen Reisen und die langen Strecken,
die wir miteinander im Dienst der Sache fuhren.

Die Zeit soll langsamer vergehen.
Ohne Gelegenheit zu einer letzten Begegnung gleitet meine Teure allmählich davon.
Sie hat nicht die Kraft für eine Umarmung
und keine Hoffnung, noch jemanden zu begrüßen. Ihre Seele sehnt sich nach dem Abflug,
auch wenn sie von ihrer Krankheit müde ist, sollen sich ihre hellen Augen noch nicht schließen, zu früh. Die Zeit soll langsamer vergehen.

Ich wünschte, diese Stäbe des Gefängnisses brächen,
bevor es zu spät ist, sie nochmals zu sehen.
Ich möchte ihr liebes Gesicht flüchtig zu sehen bekommen,
ihr erhebendes Lachen noch einmal hören.
Ich sehne mich danach, einen Blick ihres strahlenden Lächelns zu erhaschen, nur einmal noch, das letzte Mal?
Ihre Seele hingegen ist wieder für die Zukunft bereit,
während mein Herz noch immer an der Vergangenheit hängt.
Erneut beschwöre ich die Erinnerung unserer Anfänge,
selbst als sie sich stetig ihrem Ende nähert –
Oh! Zu früh. Die Zeit soll langsamer vergehen.

Könnte doch der Abdruck deines Lächelns, Teuerste, auf dem Antlitz jeder Blume spielen;
könnte nur dein berauschender Anblick, Teuerste, jedes Jahr mit den Narzissen erblühen;

hätte dein barmherziges Herz, Teuerste,
mehr Seelen so zu lieben gelehrt, wie du es tatest;
hätte doch nur deine hinreißende Zärtlichkeit, Teuerste,
die Höflichkeit in dieser Welt aufs Neue hergestellt.
Wie sehr vermisse ich deine Gebete Nacht für Nacht
und den Widerhall deines Gesangs beim anbrechenden Licht. Die Zeit soll langsamer vergehen.
Schließ deine Augen noch nicht;
ich bin noch wach und warte
auf den Sonnenaufgang.
Die Hoffnung, dich nochmals zu sehen, Liebliche,
verwandelt in diesem dunklen Gefängnis die Nacht in einen Tag. Die Zeit soll langsamer vergehen.
Schließ deine Augen noch nicht;
ich bin noch wach und warte
auf den Sonnenaufgang.

Aus dem Englischen übertragen von Helmuth A. Niederle

PEN International zu Mahvash Sabet anlässlich des Internationalen Frauentages 2016