RAN 08/13 ASERBAIDSCHAN: Akram AYLISLI bedroht

RAN 08/13 12. Februar 2013

Bearbeitung und Übersetzung: Jürgen Strasser

Der bekannte aserbaidschanische Romancier Akram AYLISLI wurde in letzter Zeit lebensgefährdenden Bedrohungen ausgesetzt, als wütende Demonstrant/inn/en sich vor seinem Wohnsitz versammelten, Ausgaben seines Buches verbrannten und ein Angehöriger der Opposition

Drohungen gegen ihn verbreitete. Der Grund für den Aufruhr ist Aylislis Roman   Daş Yuxular(Steinträume, bislang ist noch keine deutsche Übersetzung bekannt), der in der laut derzeit gültigen völkerrechtlichen Bestimmungen zum aserbaidschanischen Staatsgebiet gehörigen, jedoch mehrheitlich von Armenier/inne/n bewohnten und von Armenien und Aserbaidschan beanspruchten Region Bergkarabach spielt. In seinem Werk drückt der Autor Sympathien für die armenische Seite aus. PEN International ist um Akram Aylislis Sicherheit besorgt. Er appelliert an die aserbaidschanischen Behörden, die Sicherheit Aylislis und seiner Familie zu gewährleisten und eine gerichtliche Untersuchung mit strafrechtlichen Folgen gegen jegliche Personen, die ihn bedroht haben, einzuleiten.

Bereits 1988 war ein Krieg zwischen aserbaidschanischen Truppen und armenischen Separatist/inn/en ausgebrochen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erklärte sich Bergkarabach zu einer unabhängigen Republik, die jedoch international nicht anerkannt wird. Während des Kriegs kam es auf beiden Seiten zu grausamen Kriegsverbrechen. Seit 1994 wird ein Waffenstillstand eingehalten, obwohl es immer wieder sporadisch zu vereinzelten Gefechten kommt. Vertriebene können nicht in ihre Häuser zurückkehren, der Konflikt sorgt weiterhin für erhebliche Spannungen zwischen Armenien und Aserbaidschan.

Daş Yuxular wurde 2007 geschrieben, jedoch erst 2012 veröffentlicht. Das Buch erzählt die Geschichte zweier aserbaidschanischer Männer, die ihre armenischen Nachbarn vor ethnischer Gewalt zu schützen versuchen. Der Autor nimmt darin auch Bezug auf die Verfolgung von Armenier/inne/n in Bergkarabach. Den Zorn der Demonstrant/inn/en erregte, dass das Buch nur auf aserbaidschanische Vergehen gegen Armenier/innen eingeht, nicht jedoch die armenische Gewalt gegen Aseris erwähnt. Das Buch wurde in Aserbaidschan noch nicht publiziert. Ende 2012 erschien in der russischen Literaturzeitschrift  Дружба Народов (Freundschaft der Völker)    eine Übersetzung unter dem Titel  Каменные сны

Die Kontroverse verstärkte sich Anfang Februar 2013, als aserbaidschanische gesetzgebende Stellen Aylisli der Beleidigung des aserbaidschanischen Volkes bezichtigten und die Frage nach seiner ethnischen Zugehörigkeit aufwarfen, womit sie indirekt nahe legten, er solle gezwungen werden, Aserbaidschan zu verlassen und in Hinkunft in Armenien leben. Manche erhoben die Forderung, dass ihm der in Aserbaidschan existierende Status eines „Staatsschriftstellers“ entzogen werden solle. Am 7. Februar 2013 entzog ihm Präsident Ilham Alijew per Dekret seine aufgrund dieses Status zuerkannte staatliche Schriftstellerpension, die ihm in Anerkennung seiner vergangenen Leistungen für die aserbaidschanische Literatur zugesprochen worden war. Aserbaidschanische Medien berichten, Aylisli sei für  „verzerrende Darstellung der aserbaidschanischen Geschichte und Beleidigung der Gefühle des aserbaidschanischen Volkes” bestraft worden.  Die Entscheidung des Präsidenten kam etwa eine Woche, nachdem sich Demonstrant/inn/en vor dem Wohnsitz des Autors versammelt, “Schande!” skandiert und Bücher und Fotos des Autors verbrannt hatten. Laut Radio Free Europe, liefert der Roman auch eine kaum verschleierte Kritik am früheren Staatspräsidenten Heydar Alijew, dem Vater des gegenwärtigen Staatschefs Ilham Alijew. Nichtregierungsorganisationen, Veteranen- und Vertriebenenverbände haben Berichten zufolge sich geneigt gezeigt, rechtliche Schritte gegen Aylisli zu ergreifen.

Am 11. Februar verlautete der Vorsitzende der sozialliberalen Oppositionspartei Müasir Müsavat (Moderne Gleicheitspartei) Hafiz Hajiyev, dass er demjenigen eine Belohnung von 10.000 Manat (umgerechnet rund 9.500€) bezahlen wolle, der Aylislis Ohr abschneide, fügte jedoch hinzu, er sei sich der strafrechtlichen Verantwortlichkeit dieses Vorschlags durchaus bewusst. Der Innenminister erklärte in der Folge, dass derartige Aufrufe zur Gewalt unannehmbar seien und gerichtlich untersucht werden. Die Bedrohung Aylislis bleibt dennoch akut.

In einem Interview für  Radio Free Europe/Radio Liberty  Ende Jänner 2013 argumentierte Aylisli, sein Roman sei “eine Art Botschaft für in Karabach lebende Armenier, oder anders gesagt, für die armenischen Bürger Aserbaidschans […]. Die Botschaft lautet: glaubt nicht, dass wir all das, was wir euch angetan haben, vergessen haben. Wir stellen das nicht in Abrede. Es ist die Aufgabe  armenischer Schriftsteller, darüber zu schreiben. […] Vielleicht haben sie das ja schon getan, vielleicht werden sie es in Zukunft tun. Ich weiß es nicht. Denn es ist ja unmöglich für ein Volk, solche Grausamkeiten zu begehen und nicht darüber zu schreiben. Aber verpolitisiert diese Dinge nicht. Wenn Armenier weiterhin in der Karabachregion Aserbaidschans leben, dann müssen wir Seite an Seite miteinander leben. Der Roman ist eine Botschaft an sie: Habt keine Angst. Das ist nicht das Ende. Wir können zusammen leben.“

Trotz der Proteste weisen Kommentator/inn/en darauf hin, dass die Vorkommnisse der letzten Tage eine Debatte über Armenien ausgelöst haben. So strahlte das aserbaidschanische Fernsehen am 7. Februar eine lebhafteLivediskussion mit Aylisli und einem Mitglied der Regierungspartei aus. Einige haben das Buch auch öffentlich gelobt.

Der 75jährige Akram Aylisli ist ein hochangesehener Schriftsteller, Dichter und Drehbuchautor, der zahlreiche Literaturpreise sowohl in der Zeit der Sowjetunion als auch danach erhalten hat. 2002 wurde er mit dem „Istiglal-Orden“ (Unabhängigkeitsorden), einer der höchsten Auszeichnungen des Landes, geehrt. Aylisli ist Absolvent des Moskauer Maxim Gorki-Literaturinstituts und begann seine literarische Laufbahn in den 1950er-Jahren. Zu seinen wichtigsten Werken zählen When the Mist Rolls Over the Mountains (1963, keine deutsche Übersetzung bekannt) and What the Cherry Blossom Said (1983, keine deutsche Übersetzung bekannt).

Der österreichische P.E.N.-Club appelliert an die aserbaidschanischen Behörden, geeignete Maßnahmen zum Schutz Akram Aylislis zu treffen und sämtliche strafrechtlichen Verfolgungen wegen seiner in seinen literarischen Werken beschriebenen Meinungen einzustellen. Präsident Helmuth A. Niederle hat sich in einem entsprechenden Schreiben an den Botschafter Aserbaidschans in Wien gewandt. Eine Antwort auf dieses Schreiben ist noch ausständig.

Bitte richten Sie Appellschreiben zum Schutz Akram Aylislis an:

President
Ilham Aliyev
Office of the President of the Azerbaijan Republic
18 Istiqlaliyyat Street,
Baku AZ1066, AZERBAIJAN
Fax: +994 12 492 0625
Email: office@pa.gov.az

Be the first to comment

Leave a Reply